Wohnungsnahes Grün im Bezirk

Charlottenburg-Wilmersdorf ist bereits heute nach Tempelhof-Schöneberg der Bezirk mit der zweitschlechtesten Versorgung an wohnungsnahen Grünanlagen. Richtwert laut Senat sind 6m² pro Einwohner. Im Bezirk waren es schon im Jahr 2009 nur 3,8 m² pro Einwohner.

Es sieht tatsächlich so aus, als würde die Politik wider bessere eigene Worte (also wohl mit Vorsatz!) dem Verschlechtern des Bio-Klimas in der City nicht genügend entgegenwirken.

Urteilen Sie selbst:

Die folgenden Zitate sind alle der Broschüre „Stadtentwicklungsplan Klima“ (StEP K) der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt von 2011 entnommen. Sie beweisen einen Zusammenhang zwischen steigenden innerstädtischen Temperaturen und einer Zunahme von Gesundheitsbeeinträchtigungen und Todesfällen.

  • „Bis Mitte des Jahrhunderts wird die Zahl der Tage mit Wärmebelastung in der dicht bebauten Innenstadt von derzeit etwa 18 um mehr als sieben auf dann 25 Tage zunehmen.“ (StEP K, S. 30)
  • „Im Jahresdurchschnitt steigen die Temperaturen bis 2050 um bis zu 2,5 Grad Celsius.“ (StEP K, S. 30)
  • „Hitzeperioden treten häufiger auf. Sie sind dabei intensiver und werden länger andauern als bisher.“ (StEP K, S. 30)
  • „Besonders betroffen von steigenden Temperaturen sind dicht bebaute Stadtteile, die stark versiegelt sind und nur wenige Grünflächen aufweisen. Bereits heute ist in solchen, meist innerstädtischen Quartieren Berlins, die bioklimatische Belastung überdurchschnittlich hoch.“ (StEP K, s. 31)
  • „Lange Hitzeperioden machen selbst gesunden Erwachsenen zu schaffen.“ (StEP K, S. 31)
  • Zu den Merkmalen besonders betroffener Gebiete zählt: „Weniger als drei Quadratmeter wohnungsnahe Grünfläche pro Einwohner.“ (StEP K, S. 35)
  • „Nachts weisen heute rund 10 Prozent des Berliner Siedlungsraumes ein belastendes Bioklima auf. Damit sind 18 Prozent der Berliner Bevölkerung von solchen Belastungen betroffen.“ (StEP K, S. 34)
  • „Bis 2050 werden – ohne Gegenmaßnahmen – …. innerhalb des S-Bahn-Ringes sogar fast 80 Prozent der Flächen und 76 Prozent der Bewohner betroffen sein.“ (StEP K, S. 35)
  • „Für Kranke, Vorbelastete und Ältere kann das zu einer echten Bedrohung werden. Die Hitze verstärkt Herz-Kreislauf-Probleme und kann im Extremfall sogar zum Tod führen. Eine Studie des Kieler Instituts für Wirtschaftsforschung prognostiziert, dass die Zahl der Hitzetoten in Deutschland (auch angesichts des demografischen Wandels) bis 2100 von heute rund 4500 auf 12.000 ansteigen dürfte.“ (StEP K, S. 31)
  • „In Berlin war bereits im heißen Sommer 2003 ein Anstieg der Todesfälle zu verzeichnen.“ (StEP K, S. 31)

Kann man das Ansteigen der Temperaturen verlangsamen?

Ja. Auch dazu Zitate aus der Broschüre „Stadtentwicklungsplan Klima“, in dessen Vorwort Senator Michael Müller schreibt: „Daher ist es eine große Herausforderung, vor der Berlin steht, wie wir im Zeichen des Klimawandels auch weiterhin für Lebensqualität in der Stadt sorgen.“

„Berlin muss…

… Bäume an Straßen und auf Höfen als Schattenspender erhalten und neue pflanzen.
… die klimatisch entlastende Kühlwirkung von Grünflächen nutzen.
… Stadtbäume erhalten und neue pflanzen.
… kleinere Grün- und Freiflächen in den Quartieren schaffen und qualifizieren.
… auf stadtklimatisch bedeutsamen Grünflächen offene Wiesen erhalten und sie zum Stadtraum öffnen.

… Kaltluftentstehungsgebiete und –zustrom sichern und verbessern.
… wohnungsnahe Grünflächen erhalten und verbessern, die den Bewohnerinnen und Bewohnern tags eine kühle Rückzugsmöglichkeit bieten.
… auf geeigneten Grünflächen schattenspendende Gehölze pflanzen.“ (StEP K, S. 5)

„Berlin muss…

… seine natürlichen Treibhausgasspeicher (Böden und Vegetation) erhalten und stärken.
… Grünflächen im Siedlungsbereich erhalten und wo immer möglichst qualitativ verbessern“. (StEP K, S. 7)

„Berlin muss…

… klimatisch entlastende Frei- und Grünflächen in den betroffenen Siedlungs-räumen erhalten, optimieren und wo möglich und nötig solche Flächen neu schaffen.
… die wohnungsnahe Grünflächenversorgung verbessern.
… die Funktion klimatischer Ausgleichs- und Entlastungsflächen dauerhaft sichern und verbessern.
… und den Kaltluftaustausch und –zustrom sichern und stärken.“ (StEP K, S. 36)

Sichern, erhalten, stärken, verbessern, pflanzen, optimieren, qualifizieren, neu schaffen!! Schöne Worte…

Und wie ist die Realität?

Charlottenburg-Wilmersdorf ist bereits heute nach Tempelhof-Schöneberg der Bezirk mit der zweitschlechtesten Versorgung an wohnungsnahen Grünanlagen. Für 2009 wurde hier die Versorgung mit wohnungsnahen Grünanlagen gerade mit 3,8 m² je Einwohner angegeben. 2013 wird dieser Wert nicht genannt. Dafür erfährt man, dass bereits 37 Prozent (!) der Bezirkseinwohner nicht mit wohnungsnahem Grün versorgt sind. (Zum Vergleich: Der Berlinschnitt beträgt 28 %).

Charlottenburg-Wilmersdorf hatte Ende Dezember 2012 noch 8653 Kleingarten-Parzellen. Nicht nur die Kolonie Oeynhausen soll nun bebaut werden, weil Baustadtrat Marc Schulte sich die Panikmache des Investors zu eigen macht. Nach dem neuen Entwurf für StEP Wohnen sollen im Bezirk sogar auf weiteren 850 Parzellen Häuser entstehen – zu Lasten wohnungsnahen Grüns.

Die Kleingartenfläche in Berlin ist seit dem Jahr 1947 um fast die Hälfte geschrumpft. Zwischen 1990 und 2010 wurden nach Angaben des Verbandes Deutscher Grundstücksnutzer in Berlin rund 436 Hektar Kleingartenfläche platt gemacht – ein Areal, fast dreimal so groß wie der Tierpark Friedrichsfelde, der größte Landschaftstiergarten Europas.

Nach Angaben der Senatsverwaltung gab es 2004 in Berlin noch 3309 Hektar Kleingartenfläche, 2010 waren es danach 3073 Hektar – ein Verlust von 7,4 Prozent. 2012 wurden nur noch 3018,3 Hektar gezählt – wieder 1,8 Prozent weniger. Und derzeit sieht die Planung vor, etwa 40 Kolonien zu bebauen…

Allein im Jahr 2013 verschwanden in Charlottenburg-Wilmersdorf 238 Straßenbäume, von denen aber nur 176 nachgepflanzt wurden. Ein Straßenbaum versorgt durchschnittlich zehn Menschen pro Tag mit Sauerstoff.

In Charlottenburg-Wilmersdorf sind 22,3 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre oder älter – also besonders sensibel auf Veränderungen des Bio-Klimas. In Schmargendorf sind es sogar 28,6 Prozent. Zum Vergleich: Berlinweit sind nur 18,9 Prozent der Bevölkerung 65 oder älter.

Die möglichen Folgen sind oben nachzulesen: Es ist mit dem Anstieg der Sterbeziffer in Berlin zu rechnen – besonders in einem Bezirk wie Charlottenburg-Wilmersdorf!

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